SZ 13.12.95

Aus der Sinnkrise des Stadttheaters

Das Unternehmen 'Offenbachplatz' mit Georg Ringsgwandl in Köln

Offenbachplatz! Viel hatten die Kölner Bühnen unterm Stichwort ihrer ersten Adresse versprochen: 'Mit zwei Einaktern von Jacques Offenbach und einem ,Operettchen' des Kabarettisten Georg Ringsgwandl lassen wir die Operette wiederauferstehen!' Von solcher Renaissance der so oft totgesagten Kunstform haben in den letzten Jahren schon andere Theatermacher geträumt. Und nebenan in Bonn wohl die gelungensten Fehlgeburten hervorgebracht - mit 'Gorbatschow' (Thomas Körner/Franz Hummel) und 'Der ewige Frieden' (Körner/Kurt Schwertsik). Im übrigen gilt von dieser Auferstehung wie von allen anderen: Man muß an sie glauben. Das versetzt dann, wenn schon nicht Berge, so doch Zeiten und Länder. Der Kölner Generalintendant Günter Krämer führte, was seine erklärte Absicht ist, Oper und Schauspiel mit dem Unternehmen Offenbachplatz zu neuen, im Prinzip sehr alten Formen der Zusammenarbeit (und dabei in untergeordneter Funktion auch Regie). Er inszenierte den einleitenden Sketch des bayerischen Arztes und Autors, Zither- und Gitarrenspielers Ringsgwandl: 'Die Ländler-Queen sieht Morgenrot'. Dieser burleske Offenbach-Vorplatz präsentiert vorm geschlossenen Vorhang einen Dr. Franz, Fernsehdirektor und ganz von heute. Dazu eine Gretl, die ihm ihre Talente andient. Margret, die Jodel-Königin, prämiiert sogar im Zillertal (das will was heißen!), nimmt teil am 'erbarmungslosen Ausleseprozeß', der heutzutage einem 'Publikumsrenner' vorangeht. Zu Köln kommt sie in Gestalt des Ländler-Kings Ralph, was für eine zwischen der 'Filmdose' und Krebsgasse geschätzte Form des Humors sorgt. Der Fernseh-Mogul entwickelt seine Unternehmens-Philosophie und der Bewerber um die größte Publikums-Gunst die Potenzen einer leicht travestierten Volxmusik. Bei der sekundiert ihm das vom Stehgeiger Koenraad Ellegiers angeleitete Salonorchester Cölln. Die neun Herren werden, angetan mit Filzhüten nebst Gamsbärten und Krachledernen, aus der Tiefe emporgehievt, um das Kunst-Bajuwarische diskret zu veräppeln (und überhaupt grundsolide Arbeit zu leisten). Dabei verhält sich der Tonsatz selbst eher brav; die Kapriolen schlägt die Szene, welche das Verdummungskunsthandwerk vielleicht allzu frontal ins Visier nimmt. Alsbald mutieren die Musikanten zu Kunst-Chinesen; sie setzen sich jedenfalls die einschlägig folkloristischen Strohhüte auf. Herr Franz verändert sich zum 'Tiefenforscher'. Er, der vor seiner Medien- Karriere Theaterkritiker gewesen (und als Kulturdezernent gescheitert) sein soll, begibt sich als Aussteiger aus der Sinnkrise des Stadttheaters und den Konsumverabreichungszwängen der Medien-Kommandohöhen auf ein fernes Eiland. Zu den 'Primitiven', um - den Baedeker in der Hand - noch einmal die Kraft des Ursprünglichen mit der kurzsichtigen Seele und weidwunder Herzenslust zu erspüren. Ausgehend von der 'Höllensprache', welche 'La Damnation de Faust' von Hector Berlioz entwickelte (und durchaus in scharfsichtiger Kritik am aufblühenden Exotismus), komponierte Jacques Offenbach mit 'Ba-Ta-Clan' eine hinreißende Parodie auf das Fernweh der Europäer und ihren Kulturdünkel. Er schuf zu Ludovic Halévys Früh-Dadaismus eine heitere Südsee der beschwingten Tonkunst. Ludwig Udelhoven colonisierte den Pariser Abgrund dieser ohnedies mehrfach bearbeiteten Operette. Christian Schullers leicht geführte Inszenierung holt in der Ausstattung von Petra Buchholz das Groteske nach besten Kräften ans Hier und Heute heran - und serviert die denkbar brutalste Entzauberung: die Protagonisten des archaischen Ritualtheaters im Reich des Tu-He-Nix - alles Kölner. Auch die Pitzelbergers, die ihren Salon mit den 'Spitzen der Gesellschaft' und einem Opern-Konzert zu eröffnen gedenken. Doch die singenden Weltstars Medori (Sopran), Rubini (Tenor) sowie Tamburini (Baß) sagen ab. Notgedrungen muß Vater Pitzelberger, der liebenswürdige Senior Toni Blankenheim, die Hilfe des jungen Musikers Casimir annehmen, des verhaßten Liebhabers der Tochter; er selbst und das junge Paar, glänzend gesungen von Natalie Karl und Mathias Klink, schlüpfen vor ihren Gästen - und das sind wir, das Publikum - in die Rollen der italienischen Stars. In einem knappen Viertelstündchen fassen sie die italienische Oper der Opern zusammen und bieten so mit süßem Hohn ein drittes Mal Kunst über Kunst: vielleicht eine der kompositorisch gelungensten Parodien der Musikgeschichte. Die Reaktivierung von 'Ba-Ta- Clan' und 'Salon Pitzelberger' erwies sich in Köln als absolut lohnend: Nach der fulminanten 'Elektra' zum Saisonauftakt und der zumindest sehr diskussionswürdigen 'Zauberflöte' hat Günter Krämers Musiktheater am Offenbachplatz damit einen weiteren Treffer ins Schwarze erzielt. FRIEDER REININGHAUS EINE MUSIKALISCHE CHINOISERIE: Offenbachs 'Ba-Ta-Clan' nach Halévy in der Kölner Oper

Photo: Bühnen der Stadt Köln