SZ 22.04.96

Der Märchenkönig war ein wilder Partyhengst

'Ludwig II. - die volle Wahrheit': Musikkabarettist Georg Ringsgwandl schreibt eine Oper für das Gärtnerplatztheater

Der Groove ist entspannt, das Gitarrenriff funky, und die Stimme aus dem Lautsprecher belehrt uns, um was es geht: 'Des iss jetzt Acid Jazz, des hört ma zum Relaxen, da tanzt ma so ganz locker vier, fünf Stunden drauf, damit ma wieder a bisserl runterkommt, wenn ma vorher ein Wochenende lang bloß herumg'hupft is.' Georg Ringsgwandl hört konzentriert zu, wie er da gerade sein Hamburger Publikum aufklärt, was heutzutage aktive Freizeitgestaltung ist. Dann steht er auf und geht zum Toningenieur: 'Die Gitarr' miassat ma a bißl obidrahn, die sticht sonst so raus.' München-Sendling, Tonstudio Soundfabrik: Georg Ringsgwandl ist gerade mit der Abmischung seiner neuen Platte 'DJ Shoashy' beschäftigt, die Ende Mai erscheinen soll. Zum größten Teil besteht sie aus Live-Aufnahmen, die während eines fünftägigen Gastspiels in Hamburg aufgenommen wurden, und wieder einmal geht es vor allem um die absurd- skurrilen Verhaltensweisen, die der einzelne in der modernen Gesellschaft so pflegt - ob er jetzt die Mülltrennung als seine Ideologie betrachtet oder als Techno-Depp durch die Discos wandelt. Wir aber sind hier, weil uns eine Nachricht aus den letzten Wochen etwas arg skurril vorgekommen ist: Ringsgwandl schreibt für das Gärtnerplatztheater eine Oper über König Ludwig II. Der Rockkabarettist auf den Spuren von Konstantin Wecker, der für die Füssener 'Dreamking GmbH' beinahe ein Musical über den Märchenkönig geschrieben hätte? (Inzwischen hat der Komponist Franz Hummel diese Aufgabe übernommen.) 'Naaa', wehrt Ringsgwandl ab, 'was die da in Füssen planen, das wird ja so ein Kitschfetzen, der muß ja erhebend und rührend werden, das beißt sich nicht mit meinem Teil.' Stimmt: Erhebend und rührend klingt das allerdings nicht, was der bayerische Musikclown und Songschreiber sich da ausgedacht hat, sondern eher nach einer Schocktherapie für brave Operettenabonnenten und vereinsmäßig organisierte König-Ludwig-Verehrer. 'Das wird ein wildes Punkteil', sagt der Autor, 'und zwar so, daß es grad so pfeift. Mit diesem ganzen Ludwig-Schwulst, diesem Nostalgiequatsch wird das nichts zu tun haben.' Ringsgwandls Ludwig ist ein früher Vorfahr der heutigen Spaßgeneration. Ludwig von Wittelsbach weiß, daß er einer der letzten ist in der langen Geschichte der Feudalherrschaft, der es noch mal richtig krachen lassen kann, 'und so feiert er die permanente Party, baut sich ein Disneyland aus mittelalterlichen Schlössern und läßt sich dazu den passenden Soundtrack vom Wagner schreiben'. Auch die Kaiserin Sissi wird vorkommen in der Phantastischen Oper 'Ludwig II. - die volle Wahrheit', aber natürlich nicht als leidgeprüfte junge Frau. 'Die Sissi', sagt Ringsgwandl, 'des ist so eine richtige Partynudel, die von einem Fest zum anderen rennt. Die hat koa Lust, in Wien bloß die Gebärmaschine zu spielen und haut lieber ab zu ihrem Cousin, denn da weiß sie, bei dem gibt's immer dufte Sachen zum Essen und zum Saufen und zum Schnupfen und zum Kiffen.' Eine abgefahrene Partygesellschaft ist das also, in der der King auch schon mal sein Monogramm als riesige Kokainllinie auffahren laßt, die er dann mit einem majestätischen Zug wegschnupft. Dazu die 'Opportunistensau Richard Wagner, der mit seiner Germanenschwulstmusik genau den richtigen Soundtrack liefert': Man sieht schon, der eher konservative Geschmack dürfte seine Schwierigkeiten haben mit Georg Ringsgwandls Ludwig-Bild vom durchgeknallten Egomanen, der auch nicht davor zurückschreckt, einen seiner größten Fans (und Doppelgänger) aus dem Volke im Starnberger See von der bayerischen Regierungsmafia umbringen zu lassen, damit er selbst nach Amerika flüchten und dort seine Party weiterfeiern kann. Die wüste Geschichte vom zynischen Popstar aus dem 19. Jahrhundert wird am 19. Juli 1998 Premiere haben, 'früher war's leider nicht möglich, die müssen so lange vorausplanen'. Zur Einstimmung auf das Ringsgwandlsche Musiktheaterschaffen kann sich das Publikum des Gärtnerplatztheaters im Januar kommenden Jahres schon mal seine Kurzoperette 'Die Ländlerqueen sieht Morgenrot' antun; an den Kammerspielen ist außerdem die Inszenierung seines Musicals 'Die Verdammten der Tankstelle' geplant, das am Kölner Schauspiel mit mehr als 60 Aufführungen der Sensationserfolg der vergangenen Saison gewesen ist. Ob das Ludwig-Musical in München ebenfalls ein Erfolg wird? Ringsgwandl, sich seiner Funktion als Zugnummer voll bewußt, will das Seine dazutun und seinen Ludwig gleich selber spielen. Vom DJ Shoashy zum Märchenkönig - auch eine Karriere. FRANZ KOTTEDER ZWEI, die es richtig krachen lassen: Georg Ringsgwandl spielt 1998 Ludwig II. am Gärtnerplatztheater. Photos: Alex Schütz, SZ-Archiv