Kleine  online 08.08.97
Klagenfurt, Freitag 8. August 1997

"War als Arzt absolut seriös"

Georg Ringsgwandl ordiniert heute auf Burg Finkenstein. Der bayrische Kabarettist und Ex-Chirurg über den Bachmannpreis und Wörther See.

VON ERWIN HIRTENFELDER
Ich rufe Sie aus Kärnten an, zucken Sie jetzt innerlich zusammen?
RINGSGWANDL: Nein, überhaupt neda.

Und wenn ich jetzt das Wort Bachmannpreis fallen lasse?
RINGSGWANDL: Ich habe mittlerweile ein fröhliches Verhältnis dazu. Ich habe eine Zeitlang geglaubt, ich bin ein verkanntes Genie, aber ich bin jetzt ganz dankbar.

Dankbar, daß Sie - wie Sie in ihrem Lebenslauf schreiben - bei Ihrer Klagenfurter Wettbewerbsteilnahme "auf die Schnauze gefallen" sind?
RINGSGWANDL: Ich habe mittlerweile den Wert dieser Lektion schätzen gelernt und eingesehen, daß ich kein Hochkunstliterat bin.

Unmittelbar nach Ihrer Lesung waren Sie weniger einsichtsvoll. 
RINGSGWANDL: Es hat mir damals wahnsinnig gestunken, vor allem diese Schreibtischkasperln rundum. Aber ich bin jetzt sehr froh. Wenn die mich dort gelobt hätten, dann würde ich mir jetzt die ganze Zeit so ein verschraubtes Zeug aus den Fingern saugen.

Die Finkensteiner Arena betreten Sie also völlig unbelastet?
RINGSGWANDL: Klar. Das war ja im Grunde eine schöne Woche. Das Wetter war gut und der See warm. Für mich ist der Wörther See überhaupt ein verkanntes Paradies. Gefreut hat mich vor allem, daß es dort so leer ist im Sommer. Ein wahrer Geheimtip, und das kurz vor der Haustür.

Sie haben vor einiger Zeit Ihren Oberarzt-Job an den Nagel gehängt, um sich voll aufs Kabarett zu konzentrieren. Fehlt Ihnen nicht das Leben als "Gott in Weiß"?
RINGSGWANDL: Es gibt ja Leute, die in der Früh aufstehen, in den Spiegel schauen und sagen: Wahnsinn, du bist Oberarzt! Und jetzt rasierst du dir deinen wichtigen Bart auf deinem Oberarztgesicht. So einer war ich nie. Ich habe das 20 Jahre lang mit großer Freude gemacht, aber irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich weitere 20 Jahre an jedem freien Wochenende und im Urlaub so nebenbei Kabarett machen will. Das kann man nur, wenn man solide Energiereserven hat und die waren irgendwann einmal erschöpft. So habe ich in einem Alter, in dem andere depressiv werden und sich auf den Ruhestand vorbereiten, etwas Neues angefangen. Daß es in Deutschland sehr viele junge Ärzte ohne Job gibt, hat mir die Sache nur erleichtert. 

Wie lebt es sich eigentlich im Vergleich zu früher, können Sie Ihre Familie noch ernähren?
RINGSGWANDL: Ich verdiene momentan genau so viel wie früher. Meine Familie findet's o. k. Ich habe eine sehr tragfähige Frau und zwei Töchter mit 12 und 13 Jahren, die mich sehr kritisch begleiten.

Können die mit Ihren flippigen Musiknummern etwas anfangen?
RINGSGWANDL: Zwei, drei Sachen gefallen ihnen, der Rest nicht. Die ältere ist zurzeit Michael-Jackson-Fan. Da habe ich gar keine Chance.

Kabarettisten und ganz besonders Chirurgen eilt der Ruf einer gewissen Grobschlächtigkeit voraus, vor allem, was den Umgang mit ihrem Publikum betrifft. Können Sie dieses Vorurteil bestätigen?
RINGSGWANDL: In dem Glasscherbenviertel, wo ich aufgewachsen bin, waren die Grobheiten und Derbheiten sicher nicht so ausgeprägt wie im Krankenhausbetrieb. So mancher Maurer könnte da ins Staunen kommen. Ich selbst habe vor den Leuten, die mir anvertraut waren, immer hohen Respekt gehabt. Ich war ja selbst lange Zeit Patient. Die kaltschnäuzige Arroganz mancher Kollegen habe ich nie ganz nachvollziehen können. Als Arzt war ich absolut seriös.