SZ EXTRA Donnerstag, 31. Dezember 1998

Musical

 Die volle Wahrheit  über den Märchenkönig
Georg Ringsgwandl und seine „Punkoper“ über Ludwig II.

Vorstellbar wäre es schon, daß die königstreuen Ludwig-Vereine in den kommenden Wochen Mahnwachen vor den Kammerspielen aufstellen werden. Denn was der bayerische Songpoet, Kabarettist und Musicalautor Georg Ringsgwandl dort mit dem Märchenkönig anstellen will, hat mit romantischer Verehrung oder Nostalgie nicht das geringste zu tun. „Das wird ein grobes Punk-Teil, daß es grad so pfeift“, sagt der Autor und Hauptdarsteller Ringsgwandl über sein Stück „Ludwig II. – Die volle Wahrheit“. Bei ihm ist der König ein genußsüchtiger Lebemann: „Der Ludwig weiß, daß es mit der Monarchie zu Ende geht, und deshalb will er es noch einmal richtig krachen lassen, weil er weiß, daß er der letzte sein wird, der das noch so bringen kann.“
Und so wird sich an Silvester einiges rühren im Schauspielhaus der Kammerspiele: Nicht weniger als 68 Rollen hat das Musical, Ringsgwandl spielt den König, Jörg Hube gibt unter anderem den Reichskanzler Bismarck, diverse Ministerpräsidenten und eine Haushälterin, Annika Pages ist Kaiserin Sissi in Strapsen und Cosima Wagner, Rufus Beck schließlich spielt Richard Wagner, einen Kardinal, den Psychiater Dr. Gudden und, weil das alles offenbar noch nicht reicht, auch gleich noch Vincent van Gogh.
Daran sieht man schon: Mit der historischen Wahrheit hat das Ringsgwandl- Stück nicht allzu viel zu tun. Es soll halt eine rechte Gaudi werden, meint der Autor, „nicht so ein Kitschfetzen wie das Füssener Musical“. Für die Gaudi sorgen Show- und Tanzeinlagen, die der Stones- Choreograph Stephen Galloway entworfen hat, eine sechsköpfige Band – unter anderem mit Münchens Top-Gitarristen Nick Woodland – spielt die „schmissigen Kompositionen“, die sich Georg Ringsgwandl für seine Ludwig-Oper ausgedacht hat. Auf daß der König es so richtig krachen lassen kann.
Franz Kotteder