Der Tagesspiegel
5. Januar 1999

Der Über-Kinger

Georg Ringsgwandls "Ludwig II. - Die volle Wahrheit" in München uraufgeführt

VON INGRID SEIDENFADEN

Drunt in Füssen, am Forggensee unter dem Schloß Neuschwanstein, der heroischen Ritterburg, die aussieht wie aus Styropor erbaut, errichten sie einen Musicalpalast. Bürgermeister, Gemeinderäte, die Fremdenverkehrsindustrie und natürlich alle guten Bayern wollen hier ab 1999 auswärtigen Pilgern die bayerische Version von "Starlight Express" bieten, nämlich das Musical vom Märchenkönig Ludwig II. Franz Hummel, eigentlich ein Avantgarde-Musiker aus Niederbayern, soll der Komponist sein. Konstantin Wecker ist schon vor längerem ausgestiegen. Wenn's denn mal gut geht und die märchenhafte Spekulation sich auszahlt.

 In den Münchner Kammerspielen ging am Silvesterabend alles gut. Zwar demonstrierten vor dem Theater drei von der Polizei scharf bewachte schwarze Kapuzenmänner mit der Schrifttafel "Blasphemie!". Die Abordnung des Geheimbundes der königstreuen "Guglmänner SM" protestierte gegen die Schändung des königlichen Andenkens, will es nicht zulassen, daß "unser König, diese einzigartige Ikone bayerischer Kultur, in die Niederungen von seichtem Operettenkitsch gezerrt wird". Ganz im Gegenteil, verehrte Geheime Ritter! Das Rockmusical "Ludwig II. - Die volle Wahrheit" von Georg Ringsgwandl, dem mit seinen ätzenden Bayern-Rocksongs und gemütsrauhen Balladen populären Musikkabarettisten (und ehemaligen Kardiologen), will ja die bald 200 Jahre währende Märchenverschnulzung und Verkitschung des dekorativen Königs "schrill und schräg" unterlaufen. Zergrübelt man den Untertitel genau, kann er nur bedeuten, daß auch "die volle Wahrheit" über den Kini irgendwie besoffen ist. Richtig, so ist es.

 Rein in die Vollen. Der hochgeschossene dürre Mensch in kindlichen Schmuseklamotten wird zur Krönung hergerichtet. Denn, so mosert die Haushälterin (im kniekurzen Plisseekleid: der bullig-zarte Jörg Hube, der später auch Bismarck spielt): "So wie er daherkommt, kann der nicht zur Krönung gehn." Im goldbetreßten Uniformrock unterm weiten Hermelinmantel und mit gelockter Papplack-Perücke sieht Georg Ringsgwandl (er spielt und singt die Titelrolle), wie er sich verschüchtert in den Thron kuschelt, aus wie all' die schönen Ludwigsgemälde. Nur, wenn er hüpft, singt und tanzt in eleganter Pose, knicken die Arme manchmal seltsam ab, verknoten sich die langen Beine innenwärts, springt er wie ein Luftikus. Dieser König ist ein verzogenes, launisches, jähzorniges Kind, das die Regierungsgeschäfte nebenbei während der Maniküre erledigt und zur Regulierung des Kreislaufs herrisch das Kokainpfeiferl verlangt. Ein Märchenkönig der anderen Art. Ein nicht unsympathischer Clownskönig. Manchmal, in trockenen Einwürfen ("Ich arbeite nicht. Ich herrsche von Gottes Gnaden"), merkt man sogar, daß da ein Staat verspielt wird.

 Ringsgwandl hat selbst inszeniert und auch die Bühne entworfen, eine Art glitzriger Palast-Disco mit schlangengrüner Showtreppe und aufpumpbarem Thron in Lila. Nach dem wüst-verrückten Schrott-Musical "Die Tankstelle der Verdammten" ist das der zweite Ringsgwandl-Coup der Kammerspiele. Und er ist richtig professionell, das heißt auch artig, nicht wirklich ausgeflippt, geraten. Ein königsmäßiges Entertainment mit kleinen subversiven Kratzern. Stephen Galloway von Forsythes Frankfurter Tanztheater-Kompagnie hat das mit Songs, Rezitativen und Tanzszenen durchkomponierte Stück ("Teil", würde Ringsgwandl sagen) fulminant choreographiert. Spöttisch-satirisch, eine Nummern-Revue.

 Wenn Rufus Beck als Richard Wagner, arm und verzottelt, die Showtreppe hinabschleicht, wenn Ludwig seinem künftigen Hofkomponisten erstmals begegnet, als man ihm die strohige Mähne hoffähig onduliert, ist das, beim Soft Fox mit dem King, hohes Klamottenvergnügen. Zumal der ewig handaufhaltende Pump-Musikus stabreimend spricht und singt: "Palais in Prienner Straße pringt mir Pracht, da kann Profit peileibe nicht pröckeln." Natürlich erwählt sich Ludwig aus dem Chor der Ammertaler Holzrapper einen hübschen Burschen zum Lakai, natürlich wirft er mehr als ein Auge auf seinen schmucken Adjutanten Graf Dürckheim. Zu Bismarck, der ihn mit dem starken Bariton-Song "Ja, da gibt es einen auf die Mütze" mit dem verlorenen 1866er Krieg konfrontiert, singt er wie ein trauriger Bengel "Ich bin zu schön und zu jung für die Normalbevölkerung". Zum Schluß, als dritte Version der Todes-(Mord?)Legende entschwebt er mit seiner kaiserlich-habsburgischen Cousine Sissi (Annika Pages als schrilles Go-Go-Girl) in einem weißen Schwan gen Schnürboden. Doch 'ne Verklärung?

 Die Musik, von der sechsköpfigen Combo hinterm Lametta-Vorhang gespielt, ist eine eingängige Rock-Swing-Collage, durchsetzt mit Polka-, Walzer- und Folklore-Rhythmen plus einer Prise Wagner-Sound. Den ironischen, sogar aggressiven Witz sonstiger Ringsgwandl-Kompositionen hat ihr wohl der lange Probenprozeß am feinen Schauspielhaus ausgetrieben. Nur in seinen Königssongs reißt Ringsgwandl selbst die schrillen Diskanttöne hoch, markiert die gefledderte Schönheit, das Abstürzige. Im Publikum schon nach den ersten Szenen strahlender Beifall, Applausjubel am Schluß. Die "Volle Wahrheit" wird lange laufen.

Weitere Vorstellungen am 5., 7., 14. und 21. Januar, jeweils 19.30 Uhr.